Bewerbung beim Landespreis
Titel der Einreichung
HERE's healthy
Kategorie
Kommunale Pflichtaufgaben & Innere Verwaltung
Name der Kommune/des Verbandes
Stadt Herne
Fachbereich/Abteilung
Fachbereich Gesundheit
Ansprechpartner
Dr. Angelika Burrichter
E-Mail-Adresse
angelika.burrichter@herne.de
Telefonnummer
02323 16-3385
Kurzbeschreibung
Die Stadt Herne und der Kreis Recklinghausen wollen auf dem Gebiet der ganzheitlichen u. familienorientierten Gesundheitsversorgung von Kindern interkommunal zusammenarbeiten. Angestrebt ist hierzu die wirkungsvolle Verzahnung der Versorgungsleistungen des SGB V mit den präventivmedizinischen und sozial-pädiatrischen Leistungen der ÖGD sowie den kommunalen psychosozialen und sozialkompensatorischen Angeboten. Hierdurch sollen wirksame Hilfs- und Versorgungskonzepte entwickelt, aber zugleich auch das Familiensystem gestärkt und gesundheitlich befähigt werden. Im Rahmen einer öffentlich-rechtlichen Vereinbarung wurde im Dezember 2025 die Zusammenarbeit zwischen der Stadt Herne und dem Kreis Recklinghausen zur Schaffung eines interkommunalen, rechtskreisübergreifenden Kooperationsnetzwerkes sowie zur städteübergreifenden Beratung, Begleitung und Stärkung von Familien festgeschrieben. Die interkommunale Zusammenarbeit wird ab Februar 2026 durch das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung NRW gefördert. Aus den Fördermitteln kann die Stelle einer Fachkraft geschaffen werden, die den Aufbau und die Pflege des städte- und sektorenübergreifenden Kooperationsnetzwerkes initiiert, welches alle gesundheitsrelevanten Akteur*innen beider Kommunen miteinander verbindet. Darüber hinaus stellen die Kooperationspartner*innen medizinisches Fachpersonal als Familienlotsinnen zur Verfügung, die im Herner Familienkiosk Eltern mit Kindern individuell beraten, aber auch mobil und aufsuchend tätig sind. Der Familienkiosk ist konzipiert als niedrigschwellige Anlaufstelle mit besonderem Fokus auf Familien, die von traditionellen Versorgungs- und Unterstützungsangeboten nur ungenügend erreicht werden. Angesiedelt ist er in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer großen Praxis für Kinder- und Jugendmedizin und ist aufgrund seiner Lange an der Stadtgrenze auch für Eltern aus Recklinghausen gut zu erreichen. Ziel des Familienkiosks ist die sektorenübergreifende Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Versorgungssystemen, insbesondere die enge Verzahnung mit den niedergelassenen Kinderarztpraxen. Die Lotsinnen begleiten die Familien auf der Grundlage eines strukturell gesicherten Zuweisungs- und Rückmeldeverfahrens und in enger Zusammenarbeit mit den Kinderärzt*innen. Sie unterstützen bei der Umsetzung medizinischer Empfehlungen und tragen so zu einer vertrauensgeleiteten, wirkungsvollen Anbindung der Familien in weitergehende gesundheitsbezogene und psychosoziale Angebote bei. Ergänzt wird das Angebot des Familienkiosks durch partizipativ gestaltete präventive und gesundheitsförderliche Aktivitäten sowie gesundheitswirksame, pädagogische Angebote zur Stärkung der familiären Resilienz und elterlichen Gesundheitskompetenz. Im Format einer Elternwerkstatt werden hierzu regelmäßig wiederkehrende Veranstaltungen zu unterschiedlichen gesundheitsbezogenen Themen angeboten. Aktuell wird das Format Elternwerkstatt von den Krankenkassen/Krankenkassenverbänden des Landes NRW nach §20 SGB V im Rahmen ihrer Aufgaben zur Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten gefördert (Finanzierung von zertifizierten Kurs-/Übungsleiter*innen). Das Kooperationsprojekt „HERE’s healthy“ wird in die räumliche und organisatorische Struktur des Familienkiosks eingebettet.
Ziel
Aufgrund der sehr ähnlichen Ausgangslage werden die Öffentlichen Gesundheitsdienste der Stadt Herne und des Kreises Recklinghausen im Projekt „HERE’s healthy“ auf dem Gebiet der ganzheitlichen, rechtskreisübergreifenden und familienorientierten Gesundheitsversorgung von Familien interkommunal zusammenarbeiten. Um die neue Form der Versorgung so effizient wie möglich zu gestalten, wird ein interkommunales, sektorenübergreifendes Kooperationsnetzwerk geschaffen, in das Kinderarztpraxen (SGB V), ÖGD sowie relevante Akteur*innen des kommunalen Hilfesystems (SGB VIII, IX, XII) eingebunden sind. Mit der Kooperation werden folgende Ziele verfolgt: 1. frühzeitige Identifizierung gesundheitswirksamer familiärer Belastungen; 2. Wirkungsvolle und nachhaltige Anbindung der Familien im Gesundheits- und Hilfesystem; 3. Effizientere Gestaltung von Versorgungspfaden; 4. Stärkung der familiären Gesundheitskompetenz; 5. Verbesserung der Bildungs- und Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen, deren Gesundheitsstörungen mit familiären Belastungslagen verknüpft sind; 6. Schaffung eines lebendigen Netzwerkes der niederschwelligen, chancengerechten und partizipativ gestalteten Gesundheitsbildung.
Anlass
Lebensumstände und sozioökonomisches Umfeld haben einen entscheidenden Einfluss darauf, ob Kinder gesund und chancengerecht aufwachsen können. Eine gute Gesundheitsversorgung erfordert daher neben der medizinischen Behandlung auch den barrierefreien Zugang zu präventiven und therapeutischen Versorgungsangeboten und ein gutes Netzwerk der niederschwelligen, chancengerechten und partizipativ gestalteten Gesundheitsbildung. Familien mit komplexen Bedarfslagen fehlen häufig die erforderlichen Handlungsressourcen und/oder das Gesundheitswissen, um ärztliche Empfehlungen umsetzen und die Gesundheitssorge für ihre Kinder wahrnehmen zu können. Betroffen hiervon sind aufgrund der vergleichbaren sozialen Bedarfslage sowohl Familien aus Herne, als auch aus dem benachbarten Recklinghausen. Aufgrund der pädiatrischen Versorgungssituation werden viele Kinder aus Recklinghausen durch Kinderarztpraxen auf Herner Stadtgebiet betreut. Die präventiven Leistungen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) sowie viele kommunale Hilfe- und Unterstützungsangebote richten sich jedoch an die Bürger*innen der jeweils eigenen Stadt. Hierdurch wird eine wirkungsvolle Beratung und Begleitung von Familien mit komplexen Bedarfen erschwert.
Kurzprofil
Stadt Herne Regierungsbezirk Arnsberg Einwohner: 156.154 (01.06.2025, IT.NRW) Fläche: 51.42 km2 Einwohner je km2: 3.037 Im landesweiten Vergleich ist die Stadt Herne überdurchschnittlich stark von den Folgen des strukturellen Wandels betroffen. Diese spiegeln sich in einem hohen Anteil an prekär Beschäftigten, vergleichsweise geringen Einkommen und niedrigem Bildungsgrad wider. Zudem ist Herne gekennzeichnet von einer hohen Migrationsdichte. Im Jahr 2022 lebten in Herne rund 37,0 % Menschen mit Einwanderungsgeschichte (im Vergleich zu 31,1 % in NRW). Mehr als die Hälfte der nichtdeutschen Bevölkerung in Herne sind Kinder und Jugendliche. Für die Stadt Herne und die angrenzenden Bereiche der Stadt Recklinghausen lässt die kommunale Gesundheitsberichterstattung gleichermaßen eine erhöhte sozialmedizinische Bedarfslage erkennen. Die erhobenen Daten zu den Schuleingangsuntersuchungen von Kindern in Herne und dem angrenzenden Süden der Stadt Recklinghausen weichen im Hinblick auf den Entwicklungsstand vorschulischer Fertigkeiten und Körpergewicht im negativen Sinne vom NRW-Durchschnitt ab (Gesundheitsbericht kompakt Herne, 2022; GBE Recklinghausen).
Gewinn der Kooperation
Für eine bedarfsgerechte und gelingende Versorgung von Familien mit komplexen Problemlagen müssen die gesundheitswirksamen sozialen Determinanten stärker in den Blick genommen werden. Um dies zu erreichen, ist die bisherige strikte Trennung zwischen den Versorgungsleistungen des SGB V und kommunalen Gesundheits- und Unterstützungsangeboten zu überwinden. Durch die enge Kooperation von ÖGD und primärversorgenden Kinderarztpraxen im Familienkiosk können Unterstützungsbedarfe, die in der gesundheitlichen Versorgung auffallen, frühzeitig aufgegriffen und durch ein strukturell gesichertes Zuweisungsverfahren an die Familienlots*innen übergeleitet werden. Die Lots*innen beraten und begleiten die Familien mit dem Ziel einer wirkungsvollen Anbindung im Gesundheits- und Hilfesystem. Hierdurch können Behandlungsabbrüche und Fehlinanspruchnahmen des Versorgungssystems verringert, die Versorgungseffizient gesteigert und damit das Gesundheits-, aber auch das kommunale System längerfristig entlastet werden. Durch die Bündelung der Aufgabenwahrnehmung im Familienkiosk sind Synergieeffekte zu erwarten, die – im Vergleich einer Wahrnehmung der Angebote in jeder Kommune für sich genommen – eine Ressourceneinsparung und eine Steigerung der Dienst- und Hilfeleistungsqualität erwarten lässt.
Grad der Innovation
Während Lots*innendienste inzwischen in vielen Bereichen etabliert sind, verfügt der Familienkiosk über das Alleinstellungsmerkmal einer engen Verknüpfung – sowohl fachlich-inhaltlich als auch räumlich – mit der durch das SGB V gesteuerten Primärversorgung. In Verbindung mit dem strukturell gesicherten Überleitungsverfahren des Familienkiosks ermöglicht diese enge Verzahnung eine besonders wirkungsvolle Anbindung von Familien mit komplexen Bedarfen im Hilfe- und Versorgungssystem, die von traditionellen Angeboten bisher nur unzureichend erreicht werden. Gerade in Ballungsgebieten sind die Einzugsbereiche pädiatrischer Praxen oftmals nicht deckungsgleich mit den kommunalen Zuständigkeitsgrenzen. Hieraus ergeben sich zwangsläufig Hemmnisse bei einer ganzheitlichen, familienorientierten Versorgung. Dies gilt auch für Kinder, die in Recklinghausen wohnen, aber aufgrund der pädiatrischen Versorgungssituation durch Kinderarztpraxen auf Herner Stadtgebiet betreut werden. Die Leistungen des Familienkiosks wären für sie im Regelfall nicht zugänglich. Interkommunale Verbünde eröffnen die Möglichkeit, diese Hemmnisse wirkungsvoll zu überwinden. Durch die interkommunale Zusammenarbeit des ÖGD der Stadt Herne und des Kreises Recklinghausen soll dies belegt werden. Hierzu ist projektbegleitend eine Evaluation von HERE’s healthy vorgesehen. Als wirksames Beispiel einer ganzheitlichen und familienorientierten Gesundheitsversorgung im interkommunalen Verbund kann das Konzept von „HERE’s healthy“ in einem nächsten Schritt auf weitere Kommunen mit vergleichbaren Bedarfslagen – wie z. B. Gelsenkirchen – übertragen werden. Auch eine Ausweitung auf andere Ruhrgebietskommunen mit ähnlichen Problemlagen ist denkbar, z. B. im Rahmen der GeVoR-Initiative (Gemeinsame Versorgung im Ruhrgebiet), an der sich auch die Stadt Herne und der Kreis Recklinghausen beteiligen.
Zukunftsfähigkeit/ Nachhaltigkeit
In der Ruhrgebietsregion ist der Lebensalltag vieler Familien gekennzeichnet durch eine Kumulation aus Zuwanderungsgeschichte, mangelnden Sprach- und Kulturkenntnissen, Einkommensarmut und psychischer Belastung. Chronischer familiärer Stress, traumatische Erfahrungen und widrige psychosoziale Rahmenbedingungen prägen in der besonders sensiblen Phase der frühen Lebensjahre die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Sie beeinflussen ihre körperliche und mentale Gesundheit sowie ihre Chancen auf Bildungsteilhabe und entfalten ihre Wirkung bis weit in das Erwachsenenalter. Angesichts von Migration und sozialen Problemlagen ist die Erreichung von Familien mit komplexen Bedarfen auch über Herne hinaus in der gesamten Ruhrgebietsregion von besonderer Relevanz. Das Modell „HERE’s healthy“ bietet hierfür einen zukunftsweisenden Ansatz; die daraus resultierenden Erkenntnisse können auch in der Fläche von hoher Bedeutung sein. Deshalb wird die Schaffung nachhaltiger Strukturen von Beginn an in den Blick genommen. Vorgesehen ist hierzu die Etablierung wirksamer und standardisierter Prozessabläufe sowie die Nutzung von Ressourcen des interkommunalen Netzwerkes. Durch ein strukturiertes Schnittstellenmanagement sollen alle Projektbeteiligte eng verzahnt und Synergien dauerhaft nutzbar gemacht werden. Hierzu ist auch der Einsatz digitaler Instrumente vorgesehen. Ein wesentlicher Garant für die Nachhaltigkeit von „HERE’s healthy“ ist die enge Verknüpfung von HERE's healthy mit dem ÖGD der Stadt Herne. Das chancengerechte Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen ist erklärtes strategisches Ziel des Fachbereichs Gesundheit. Mit einer eigenen Fachabteilung Gesundheitsförderung und –planung blickt der Fachbereich Gesundheit in Herne auf eine etablierte Gesundheitsförderung zurück. Durch Fördermittel der GKV NRW nach §20 SGB V im Rahmen ihrer Aufgaben zur Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten konnte die settingbezogene Gesundheitsförderung im Herner Stadtgebiet strukturell aufgebaut und verankert werden. Der Familienkiosk ist inzwischen Teil dieses Konzeptes. Die eingeworbenen GKV-Fördermittel ermöglichen u. a. die Finanzierung von Angeboten der Elternwerkstatt (Finanzierung von zertifizierten Kurs-/Übungsleiter*innen). Weitere Möglichkeiten für Maßnahmen eröffnen Mittel der Techniker Krankenkasse, mit denen aktuell Mikroprojekte zur Förderung der mentalen Gesundheit finanziell unterstützt werden können. Die Stadt Herne ist von der Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit des Konzeptes der ganzheitlichen, rechtskreisübergreifenden und familienorientierten Gesundheitsversorgung im interkommunalen Verbund fest überzeugt und wird sich über die GeVoR-Initiative für eine Ausweitung auf weitere Kommunen einsetzen.
Dokumente
Bestätigung
1
Eingegangen am
09.02.2026 00:00
Eingereicht am
09.02.2026 11:20